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Psychologische Aspekte der Kehlkopfentfernung (Laryngektomie)

Die Diagnose "Krebs"

Die Diagnose "Krebs" ist ein für den Patienten belastendes Ereignis. Besonders in den ersten Tagen und Wochen, nachdem der Patient mit der Krankheit konfrontiert wurde, sind schwierig. Dies gilt für die Verarbeitung der Diagnose an sich und für die Bewältigung der notwendigen Behandlungsmaßnahmen bei einer Krebserkrankung. Häufig beklagte seelische Symptome sind: Gefühl von Benommenheit, sich fühlen "wie im Schock, Angst und innere Unruhe, Niedergeschlagenheit.

Die Stufen der Trauer

Erst allmählich wird sich der Patient seiner Betroffenheit bewusst. In diese Phase fallen in der Regel die notwendigen Entscheidungen für eine Operation oder Chemotherapie und Strahlenbehandlung. Mit der Kehlkopfentfernung durchlebt der Patient einen bedeutsamen Einschnitt in seinem Leben und in seiner persönlichen körperlichen Verfassung, denn zwei Funktionen ändern sich maßgeblich mit dem Eingriff: der Atemweg und die Stimmbildung. Beides sind Funktionen von großer menschlicher und medizinischer Bedeutung. Die Atmung ist eine existentielle Funktion des Menschen, sie sichert das Überleben durch Sauerstoffversorgung. Die Stimme ist von großer sozialer Bedeutung, denn sie ermöglicht die zwischenmenschliche Kommunikation im Gespräch. Der kehlkopflose Mensch erfährt in der medizinisch notwendigen und der Lebenserhaltung dienenden Laryngektomie eine wesentliche Änderung dieser Funktionen. Diese Veränderungen der Körperlichkeit und der Stimmbildung sind in einem seelischen Verarbeitungsprozess in mehreren Stufen zu bewältigen. Dieser Prozess der Anpassung ist ein notwendiger Teil in der gesamten Bewältigung der Krankheit "Krebs". Das bedeutet aber keineswegs, dass sich der laryngektomierte Mensch nun resigniert in sein Innerstes zurückziehen soll. Vielmehr sind jetzt die persönlichen Fähigkeiten des Einzelnen und seine Möglichkeiten zur Gestaltung des eigenen, individuellen Lebens gefragt. Hierzu ein Beispiel: wenn Jemand gern musiziert hat, mit der Flöte oder der Trompete, so wird dies nach der Kehlkopfentfernung in der Regel nicht mehr möglich sein. Aber verliert der Mensch mit dem Kehlkopf auch seine Musikalität und seine Freude an der Musik? Anpassung in diesem Fall bedeutet
konkret, dass der kehlkopflose Mensch seine Fähigkeit und Talente nutzt und pflegt. Er könnte zum Beispiel Klavier spielen oder Akkordeon oder Gitarre oder Cello oder...
Die moderne Kehlkopfchirurgie hat mit dem Einsatz von Stimmprothesen dem Patienten deutlich bessere stimmtechnische Möglichkeiten anzubieten. Im Zusammenhang mit den optimierten Operationstechniken, den schonenden Narkoseverfahren und der Prophylaxe von Wundkomplikationen strebt die HNO- Tumorchirurgie immer höhere Standards der Lebensqualität nach Laryngektomie an.

Trauer braucht Zeit

Es ist ganz normal, dass ein Mensch nach Verlust eines Körperorgans diesen Verlust betrauert. Diese Trauer dauert von Mensch zu Mensch unterschiedlich lange. Doch es gibt keinen Betroffenen, der sich nach der Kehlkopfentfernung kommentarlos dem Alltag zuwendet. Jeder laryngektomierte Mensch durchlebt seinen persönlichen Prozess der Trauer über den Verlust des Kehlkopfes und insbesondere der natürlichen Stimme. Er erlebt auch seinen eigenen Prozess der langsamen und behutsamen Anpassung an die neue Lebenssituation. Die Auseinandersetzung mit den Themen Partnerschaft und Familie, Beruf, Aufrechterhaltung der sozialen Kontakte, gehören zur Erlebnisverarbeitung der Krankheit Krebs und der Laryngektomie.

Bewältigung bedeutet Anpassung an die neue Lebenss

Die Anpassung an die veränderte Körperlichkeit lässt sich nicht theoretisch konstruieren. Der betroffene Mensch benötigt Zeit und Ruhe, sich mit den Veränderungen seines Lebens auseinander zu setzen. Er benötigt Verständnis für Phasen der Mutlosigkeit, der Verzweiflung und auch der Wut. Er lebt auf mit Ermutigung. Ermutigung bedeutet Unterstützung mit Worten und Taten, dass der Laryngektomierte sich wieder etwas zutraut. Das er sich seiner Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten bewusst wird und diese wieder nutzt. Was dem kehlkopflosen Mensch jedoch nicht hilft, sind entmündigende Verhaltensweisen seiner Mitmenschen. Es ist keine Hilfe, dem Laryngektomierten alles abzunehmen. Die falsche Rücksicht trennt von der Chance, sich wieder im Leben zu orientieren. "Ermutigung - nicht Entmündigung" ist der anleitende innere Satz in der Unterstützung eines kehlkopflosen Menschen. Ermutigung heraus zu fmden, was er noch kann und was er sich zutraut im Lebensalltag.

Ermutigung zur Selbsthilfe

Es gibt seit in Deutschland seit mehreren Jahrzehnten den Verband der Kehlkopflosen e. V. In dieser Vereinigung treffen sich laryngektomierte Menschen und deren Angehörige zum gemeinsamen Erfahrungsaustausch. Im gegenseitigen Austausch erfährt der gerade operierte Laryngektomierte, dass es möglich ist weiterzuleben, zu leben ohne Kehlkopf und doch mit Ausdruck und Bestimmtheit. Der Neuankömmling in der Gruppe erfährt in der Realität die Chancen der Bewältigung seines Krankheitsschicksals. Der Verband der Kehlkopflosen hat in den langen vergangenen Jahren großartige Arbeit geleistet und vielen Betroffenen ehrenvolle Dienste erwiesen. Eine Besonderheit ist die Betreuung der frisch operierten Kehlkopflosen durch die PatientenbetreuerInnen.
Diese sind entweder Laryngektomierte oder Angehörige, in der Regel PartnerInnen der Kehlkopflosen, die andere Betroffene vor der Operation in der Klinik und später in der Zeit nach Krankenhausentlassung betreuen.
Für Patienten in Krisensituationen gibt es mittlerweile eine beachtliche Anzahl psychotherapeutisch weitergebildeter Ärzte und Diplompsychologen, von denen etliche auch in psychosozialer Onkologie geschult sind. Diese Fachleute vermitteln Hilfe und Beratung in besonders problematischen Lebenssituationen des kehlkopflosen Menschen und seiner Angehörigen. Die Adressen dieser Therapeuten sind bei der Kassenärztlichen Vereinigung des jeweiligen Bundeslandes zu erfragen.
Im Hinblick auf die Nöte und die Schwierigkeiten, die es heißt nach der Kehlkopfentfernung zu meistem, liegt der psychologische Schwerpunkt nach der Laryngektomie auf der individuellen Ermutigung und der seelischen Stärkung des Kehlkopflosen. Das Leben nach der Laryngektomie kann nicht dasselbe sein wie vor der Operation, denn es hat sich etwas Bedeutsames ereignet, das nicht zu löschen und nicht zu verdrängen ist. Dennoch: Leben ohne Kehlkopf ist immer noch Leben.
Dr. med. Astrid Marek
Fachärztin für HNO-Heilkunde, ärztliche Psychotherapeutin Leverkusen

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